Die Zukunft der Ingenieurstätigkeit

Im November 2016 gab es die ARD-Themenwoche “Zukunft der Arbeit”, in der sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Arbeitswelt beschäftigt worden ist.

In der Themenwoche hat die ARD den job-futuromat.ard.de online gestellt, der berechnet wie hoch die Substituierungswahrscheinlichkeit von aller Jobs heute bereits ist. Für den Ingenieur/in der Elektrotechnik wird dabei eine Substituierungswahrscheinlichkeit von 64 % errechnet. Dabei sind es gerade die Ingenieure der Elektro- und Informationstechnik, die die Digitalisierung maßgeblich entwickeln und vorantreiben.

Der VDE-Ausschuss Studium, Beruf und Gesellschaft ist über diese Aussage geschockt. Unter dem nachfolgenden Link finden Sie ein Interview der Markt & Technik mit Thomas Hegger über die Zukunft der Ingenieursarbeit.

Zukunft der Ingenieursarbeit »Wir waren geschockt« – Interview mit Thomas Hegger in der Markt & Technik

VDE–Deutschland braucht mindestens 100.000 Elektroingenieure zusätzlich

Deutschland benötigt im Zeitraum von 2016 bis 2026 rund 100.000 Ingenieure der Elektro- und Informationstechnik mehr, als hierzulande ausgebildet werden. Zu diesem Schluss kommt eine im Auftrag vom VDE und in Kooperation mit dem VDI durchgeführte Studie des Instituts für Wirtschaft in Köln. Die Metastudie zieht erstmals Zahlen des Mikrozensus 2013, der Bundesagentur für Arbeit und des statistischen Bundesamtes zusammen und zeichnet damit ein erheblich differenzierteres
Gesamtbild als bisherige Studien. Demnach stieg die Anzahl der in Deutschland beschäftigten Ingenieure der Elektro- und Informationstechnik in den vergangenen Jahren – bis auf das konjunkturschwache Jahr 2009 – stetig an, wobei das mittlere Beschäftigungswachstum zwischen 2005 und 2013 bei 10.500 Elektroingenieure jährlich lag. Zugleich bewegt sich die Arbeitslosenquote für Elektroingenieure seit Jahren auf einem konstant niedrigen Niveau von unter 2,5 Prozent, was aus volkswirtschaftlicher Sicht Vollbeschäftigung bedeutet.

Die Zahl der in Deutschland neu ausgebildeten Elektroingenieure konnte in den vergangenen Jahren höchstens den Ersatzbedarf für die aus dem Berufsleben ausgeschiedenen decken. Der wachstums- und technologiebedingte Zusatzbedarf wurde offensichtlich im Wesentlichen von Ingenieuren aus dem Ausland (z.B. aus Südeuropa) kompensiert. Im Jahre 2013 machten sie 10,6 Prozent der 381.200 erwerbstätigen E-Ingenieure in Deutschland aus. Da für die Zukunft von einem
konstant wachsenden Bedarf auszugehen ist, müssen Unternehmen in der nächsten Dekade über 100.000 E-Ingenieure zusätzlich gewinnen. Dabei stehen sie im Wettbewerb mit anderen Industriestandorten in Amerika, Asien und Europa. „Unternehmen, Hochschulen und Verbände sollten also nicht nachlassen in ihrem Bemühen, mehr Jugendliche für ein Studium der Elektro- und Informationstechnik zu gewinnen und internationale Studierende, Ingenieurinnen und Ingenieure zu integrieren. Und der Bedarf an jungen Menschen in den elektrotechnischen Lehrberufen sollte auch nicht in Konkurrenz zur akademischen Ausbildung gedeckt werden. Denn es gibt eindeutig keine ‚Überakademisierung‘ in der Elektro- und Informationstechnik, sondern vielmehr einen ‚Double Gap‘, der Elektroingenieure und Elektrofachkräfte gleichermaßen betrifft“, so die Einschätzung von VDE-Vorstandsvorsitzendem Ansgar Hinz.

Die neue Arbeitsmarktstudie bestätigt bisherige VDE-Prognosen. So sehen fast neunzig Prozent der Mitgliedsunternehmen des Verbandes durch die Digitalisierung, Mobilität, Smart Grid oder Industrie 4.0 den Bedarf an Ingenieuren der Elektro- und Informationstechnik weiter steigen.

› Zum Verband der Elektrotechnik | VDE

Soll ich noch Elektrotechnik oder gleich Informatik studieren?

Die Auswirkungen der Digitalisierung in Arbeitswelt und privatem Umfeldes schreitet immer weiter und zügiger voran. Gängige Bezeichnungen, die unter dem Oberbegriff Digitalisierung in der Öffentlichkeit fallen, sind u.a. Industrie 4.0, Internet of Things (IoT), Smart Grid, Smart Home und autonomes Fahren. Es handelt sich hierbei um Bereiche der vierten industriellen Revolution, von der Experten weltweit einen Technologiesprung erwarten, der zu einer deutlichen Effizienzsteigerung führen soll.

Die Geräte und Systeme, die zur Umsetzung dieser vierten industriellen Revolution benötigt werden, werden maßgeblich durch Elektroingenieure entwickelt. Dazu gehören neue Arten von Sensoren und Aktoren, Elemente zur Datenkommunikation, Technologien für die Cyber Security etc. Der Fokus in der Entwicklung verschiebt sich dafür immer mehr in Richtung Software. Die Bedeutung von Software hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und wird immer entscheidender für die Industrie werden, um sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten bzw. ihre führende Position auszubauen.

Die Digitalisierung ermöglicht die Verarbeitung von immer mehr Informationen. Sensoren und Aktoren liefern dabei Informationen, die in der Produktion entstehen. Darüber hinaus ermöglicht die Digitalisierung für Industrie 4.0 mittels einer weltweiten Datenkommunikation über das Internet eine sich selbst organisierende Logistik. Angefangen von der Bestellung bis zur Lieferung an den Kunden im Business-to-Business (B2B) bewegen wir uns in der Machine-to-Machine (M2M) Kommunikation somit über den gesamten Lebenszyklus von Produkten und Maschinen, in der Daten zwischen Anwender und Hersteller ausgetauscht werden. Die gewonnen Informationen können weltweit zur Verfügung gestellt werden. Es ergeben sich dadurch in Service und Wartung von Maschinen und Anlagen ganz neue Möglichkeiten die Maschinen- und Anlagenverfügbarkeit zu erhöhen. Die „Intelligenz“ von Sensoren in Maschinen erteilt beispielsweise eigenständig an die Servicegruppe des Maschinenherstellers den Auftrag, Verschleißteile zu wechseln oder meldet Betriebszustände, deren Auswertung Rückschlüsse auf die Lebensdauer und Wartungsplan zulassen.

Die fortschreitende Digitalisierung führt dazu, dass ohne Software die immer komplexer werdenden Aufgaben nicht mehr gelöst werden können. Die Softwareentwicklung ist bereits heute integraler Bestandteil der Arbeit von Ingenieuren. In einem kürzlich erschienenen Artikel „Elektroingenieure entwickeln Software“ schreiben wir den aktuellen Mitarbeiterzuwachs in der Automobilbranche dem Bedarf an Programmierern zu, wobei es im Speziellen um die Entwicklung von Embedded Systems geht, für die Elektroingenieure bevorzugt eingestellt werden. In der Energiewirtschaft erwarten wir eine Erweiterung der Kompetenzen der Ingenieure in Richtung Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) zusätzlich zu den energietechnischen Kompetenzen. Hervorgerufen wird diese durch die deutlich gestiegene Komplexität der Stromnetze, infolge der immer dezentraler werdenden regenerativen Stromerzeugung. Wir haben nicht mehr wie vor der Energiewende einige wenige Großkraftwerke, die sich typischerweise in der Nähe der großen Verbraucher befinden, sondern viele Kleinerzeuger, beginnend mit der Photovoltaikanlage auf dem Dach, über die Biogasanlage auf dem Land bis zu Offshore-Windparks, die sich fernab der Verbraucher befinden und einen hohen Regelaufwand der Stromnetze erfordern.

Welche Folgen kann das für Elektroingenieure haben? Werden diese durch Informatiker verdrängt, die auf den ersten Blick über eine höhere Kompetenz in der Softwareentwicklung verfügen?
In den Studiengängen der Elektro- und Informationstechnik ist die Informatik seit Jahren fester Bestandteil des Curriculums, wobei mindestens die Grundlagen der Programmierung vermittelt werden. Im Gegensatz zur Informatik ist das Studium der Elektrotechnik nicht nur auf Fragestellungen von Datenstrukturen und Softwareentwicklung ausgerichtet. Ingenieure werden im Studium dazu befähigt, komplexe technisch-physikalische Fragestellungen zu analysieren und Lösungen zu entwickeln. Ohne systemische Kompetenzen sind viele Aufgaben und Fragestellung der Digitalisierung nicht lösbar. Für die Weiterentwicklung technischer Systeme sind neben dem Verständnis der drei Kernfächer der Elektrotechnik (Automatisierungs-, Energie- und Nachrichtentechnik) informationstechnische Kenntnisse innerhalb der Elektrotechnik notwendig. In den elektrotechnischen Studiengängen wird zusätzlich das Verständnis für mechanische und physikalische Zusammenhänge aufgebaut, um Wechselwirkungen innerhalb von Systemen zu analysieren und zu berücksichtigen.
Dieses Systemverständnis wird zukünftig zum Lösen von technischen Aufgaben weiter an Bedeutung gewinnen. Die Trennung von Entwicklung, Konstruktion und Produktion auf der einen Seite und IKT auf der anderen Seite wird sich immer mehr auflösen und beide Seiten weiter zusammenwachsen, um diejenigen Aufgabenstellungen zu lösen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Im VDE-Informationspapier vom August 2014 „Neue Kompetenzen und Berufsbilder für Ingenieure durch die Energiewende“ ist dieses explizit für die Energiebranche erörtert worden.

Im VDE sind wir der Meinung, dass unsere Studiengänge der „Elektrotechnik und Informationstechnik“ bereits heute die Methoden und Kompetenzen vermitteln, um Systeme zu analysieren und Lösungen, unter Berücksichtigung der Aspekte der Digitalisierung, zu entwickeln. Aufgrund der Vermittlung sehr breiter technischer Grundlagen, u.a. der Informatik, starten Elektroingenieure ihre berufliche Karrieren oftmals auch in Positionen die im allgemeinen Verständnis eher Informatikern zugerechnet werden. Im „The Future of Jobs“ Report, der auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellt worden ist, prognostizieren Experten das durch die Digitalisierung in den Industrieländern zwei Millionen neue Stellen bis zum Jahr 2020 entstehen sollen. Der Überwiegende Teil dieser neuen Stellen werden mit Ingenieuren und IT-Spezialisten besetzt.

Dieser für Ingenieure positive Ausblick auf dem Weltwirtschaftsforum unterstreicht, dass das Studium der Elektro- und Informationstechnik Absolventen vielfältige Einstiegsmöglichkeiten in den klassischen und zukünftigen elektrotechnischen Berufen eröffnet.

Berlin, im Januar 2016

Link zum Artikel in der Markt & Technik

Stabiler Arbeitsmarkt für IngenieureInnen der Elektrotechnik

Der Arbeitsmarkt für IngenieureInnen der Elektrotechnik erweist sich als stabil. Dies ergab die Befragung unter den Mitgliedern des VDE-Ausschusses „Studium Beruf Gesellschaft“ bei der letzten Ausschusssitzung am 6. November 2015 in Nürnberg.

AbsolventenInnen haben nach Aussagen der Hochschulvertreter oftmals bereits vor Abschluss des Studiums einen Arbeitsvertrag in der Tasche. Die Dauer der Sucharbeitslosigkeit bis zur ersten Anstellung nach Abschluss des Studiums beschränkt sich auf wenige Monate.

Die Arbeitslosenquote für Ingenieure/Innen der Elektrotechnik bewegt sich seit einigen Jahren bundesweit auf einen stabilen und niedrigen Niveau von unter 2,5 % . Volkswirte sprechen hierbei von Vollbeschäftigung. Aus Sicht des Ausschusses und der befragten Experten handelt es sich dabei überwiegend um eine Sucharbeitslosigkeit, die kleiner 6 Monate ist. Langzeitarbeitslose Elektrotechniker, d.h. länger als ein Jahr arbeitssuchend, bilden die Ausnahme. Die Lücke zwischen dem hochgerechneten Bedarf und der Zahl der Arbeitssuchenden ist seit 2012 wieder kleiner geworden aber immer noch vorhanden. Der Ausschuss erwartet, dass sich diese Lücke in den kommenden Jahren wieder vergrößern wird. Im wesentlichen sprechen drei Faktoren dafür: die mittelfristig ansteigende Anzahl von aus dem Erwerbsleben ausscheidenden ElektroingenieurenInnen, die stagnierende bzw. sinkende Zahl der Absolventen und der erwartete Zusatzbedarf. Thomas Hegger und Prof. Dr. Michael Berger vom VDE-Ausschuss „Studium, Beruf und Gesellschaft“ sind sich sicher, dass der Zusatzbedarf vorhanden sein wird, dieser aber kaum prognostiziert werden kann.

Selbst in den Jahren 2005 bis 2012 hat sich die Anzahl der in Deutschland erwerbstätigen ElektroIngenieureInnen, trotz der weltweiten Wirtschaftskrise 2008/09, um rund 65.000 auf über 362.000 erhöht1. Dafür, dass der Trend anhalten wird, spricht, dass Produkte und Lösungen für Trendthemen wie die Digitalisierung der Wirtschaft (Stichwort Industrie 4.0, Vernetzung von Fahrzeugen, Smart X) ohne das KnowHow von IngenieureInnen der Elektrotechnik nicht erfolgreich umzusetzen sein werden!

1 O. Koppel: “Erwerbstätigkeit von E-Technik-Ingenieuren im Spiegel des Mikrozensus” für den VDE

Neue Kompetenzen und Berufsbilder für Ingenieure durch die Energiewende

Der VDE Ausschuss „Beruf, Gesellschaft und Technik“, in dem Hegger Riemann & Partner durch Dipl.-Ing. Thomas Hegger vertreten ist, hat im Rahmen seiner Sitzungen ein Papier zum  Bedarf an neuen Kompetenzen und die Veränderung der Berufsbilder für Ingenieure der Elektrotechnik durch die Energiewende erarbeitet.

Die Energiewende bedeutet den Umbau der Energieversorgung hin zu einem hohen Anteil Erneuerbarer Energien (EE) und der signifikanten Steigerung der Energieeffizienz. Da der überwiegende Anteil zukünftiger Energiequellen elektrische Energie liefert, liegt ein besonderer Fokus auf dem Elektrizitätssektor. Im elektrischen Energiesystem findet eine drastische strukturelle Veränderung statt, da volatile erneuerbare Erzeuger im System installiert werden. Der Ausgleich zwischen dieser Erzeugung und dem Verbrauch ist eine der herausforderndsten Aufgaben der Energiewende. Die Effizienzsteigerung bei der Energieverwendung ist eine weitere Herausforderung, die bei einer zunehmenden Elektrifizierung vieler Bereiche, wie z.B. Wärmepumpen für Heizungssysteme, die Elektromobilität oder hocheffiziente Antriebssysteme, ein vorrangiges Thema der Elektrotechnik ist.

Welche Bedeutung hat diese Veränderung und welche Konsequenzen ergaben sich daraus für die Berufsbilder von Ingenieuren der Elektrotechnik, die bei Energieversorgungsunternehmen (EVUs) und Netzbetreibern beschäftigt sind?

Neue Kompetenzen und Berufsbilder für Ingenieure durch die Energiewende